Mit 66 Jahren - Apple, Aristoteles und Udo

Was Apple, Aristoteles und Udo Jürgens ungewollt vereint!

Was Udo Jürgens in seinem berühmten Lied schilderte, habe ich mir einfach mal zu eigen gemacht. Doch statt eines Motorrads fiel meine Wahl auf einen Systemwechsel. Ich kaufte mir ein MacBook Air.

Die Funktionen sind anders anzusteuern, als es sich mein Gedächtnis in vier Jahrzehnten eingeprägt hat. Das Touchpad reagiert auf Berührungen, von denen ich nicht wusste, dass ich sie mache. Und plötzlich sitze ich auf der Couch und arbeite, weil dieses Gerät genau das erlaubt, was mein alter Rechner nie erlaubt hätte.

Ich vertippe mich häufiger als in den letzten zehn Jahren zusammen. Ich klicke, wo ich wischen sollte, und wische, wo ich klicken wollte. Es ist im positiven Sinn peinlich.

Staunend lernen oder so

Lernen im Alter soll gut sein, heißt es. Ich kann das gerade in Echtzeit bestätigen – mit allen Nebenwirkungen: Fehlern, Umwegen und diesen kleinen Erfolgserlebnissen, wenn eine Wischgeste endlich das tut, was sie soll.

Was mich dabei überrascht, ist nicht das Gerät. Computer, Bildschirm, Tastatur, Dateien, Cloud – das alles kenne ich seit Jahrzehnten. Selbst das Touchpad ist keine technische Revolution und doch fühlt sich die Arbeit anders an.

Gewohnheiten funktionieren nicht mehr wie gewohnt. Handgriffe müssen neu gelernt werden, Routinen verändern sich. Nach den ersten Tagen merke ich allerdings auch: Es arbeitet sich anders entspannt, anders angenehm – vielleicht sogar ein wenig selbstverständlicher. Erkenntnis: Das Fundament ist geblieben, verändert hat sich mein Umgang damit und an diesem Punkt musste ich an die Rhetorik denken.

Eine vielleicht gewagte These: Mit ihr verhält es sich ähnlich.

Seit rund 2500 Jahren beschäftigen wir uns damit, wie Menschen andere Menschen mit ihren Gedanken erreichen. Aristoteles ordnete wesentliche Grundlagen in drei Begriffe: Ethos – die Glaubwürdigkeit dessen, der spricht. Pathos – die Frage, in welchen emotionalen Zustand ich mein Publikum bringen möchte. Logos – die argumentative und logische Stringenz dessen, was gesagt wird. Dieses Fundament ist erstaunlich souverän geblieben.

Was also hat mein Wechsel zu Apple damit zu tun?

Vielleicht mehr, als ich zunächst dachte. Auch bei der Rhetorik müssen wir das Fundament nicht neu erfinden. Was wir aber lernen sollten, ist, zeitgemäß damit umzugehen – denn die Fragen, über die wir heute miteinander sprechen müssen, sind groß.

Die Themen sind vielfältig und groß und entscheiden darüber, wie wir künftig leben, arbeiten und miteinander umgehen:

·  Ökologie – Klima und Energie als gemeinsame Gestaltungsaufgabe.
·  Ökonomie – globale Interessen und die Werte hinter unseren Entscheidungen.
·  Krisen – Ängste um persönliche und wirtschaftliche Sicherheit.
·  Arbeits- und Lernwelt – neue Arbeitsformen, KI und lebenslanges Lernen.
·  Generationen und Gesellschaft – unterschiedliche Werte, gemeinsamer Nenner.

Jedes dieser Themen wäre für sich genommen schon eine Mammutaufgabe für unsere Gesellschaft. Gemeinsam verlangen sie etwas, das sich technisch nicht herstellen lässt: Menschen müssen verstehen können, worum es geht. Sie müssen Argumente prüfen können. Sie müssen Vertrauen entwickeln können. Und sie müssen spüren, dass ihre Fragen, Zweifel und Befürchtungen ernst genommen werden.

Da sind wir wieder bei Ethos, Pathos und Logos.

Wir brauchen deshalb keine neue Rhetorik. Auch unsere Werte müssen wir nicht ständig neu erfinden. Was wir brauchen, sind zeitgemäße, mitunter neue Zugänge zu einem bewährten Fundament – und den Mut, unseren Umgang damit immer wieder neu zu lernen.

Dieses Fundament trägt eine Haltung, die ich für den Kern gelungener Rhetorik halte: Ich will nicht gewinnen, während du verlierst – aber auch nicht verlieren, während du gewinnst. Wer so kommuniziert, sucht nicht den Sieg über das Gegenüber, sondern eine Lösung, die beide tragen können. Genau das unterscheidet Rhetorik als Führungsinstrument von Rhetorik als Waffe.

Rhetorik bleibt dabei keine Technik aus vergangenen Jahrhunderten. Sie wird gerade dort gebraucht, wo unterschiedliche Interessen, Erfahrungen und Überzeugungen aufeinandertreffen. Sie hilft uns, Gedanken nachvollziehbar zu ordnen, glaubwürdig zu vertreten und so zu formulieren, dass ein Gegenüber überhaupt bereit ist zuzuhören. Genau darin sehe ich eine Aufgabe für die kommenden Jahre: Rhetorik auf ihrem bewährten Fundament neu zugänglich zu machen – für die Themen, vor denen wir heute stehen.

Und das Lernen beginnt dabei nicht nur bei den Jüngeren. Ich sitze gerade auf der Couch, ein MacBook auf den Knien, und lerne täglich dazu. Manchmal klicke ich noch, wo ich wischen sollte. Manchmal suche ich etwas, von dem ich sicher bin, dass es doch irgendwo sein muss. Aber vielleicht ist genau das die eigentliche Erkenntnis meines Wechsels:

Wir müssen nicht alles neu erfinden. Wir dürfen lernen, mit dem Bewährten neu umzugehen – ob jung oder alt.
Und ich höre die letzte Zeile des Liedes: Denn mit 66 Jahren ist noch lange nicht Schluss.

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