Ihr Leben sind Geschichten. Und die sind oft besser, als Sie denken.
Jeder Mensch erzählt Geschichten. Von Begegnungen, Entscheidungen, Erfolgen und Irrtümern, von kleinen Begebenheiten, die beinahe vergessen waren, und von Augenblicken, die einen bis heute begleiten.
In diesen Geschichten steckt oft mehr, als wir zunächst vermuten. Sie erzählen von Erfahrungen und Gefühlen, von unseren Vorstellungen, Entscheidungen und Werten. Manchmal erkennen wir ihre Bedeutung erst Jahre später. Manchmal braucht es einen Menschen, der zuhört, nachfragt und einen Gedanken aufgreift, an dem wir selbst vorbeigegangen sind. Genau dort beginnt für mich Erzählphilosophie.
Ich bin kein klassischer Philosoph und auch kein Märchenerzähler
Ich komme aus der Rhetorik und aus mehr als drei Jahrzehnten Arbeit mit Menschen. Dabei habe ich immer wieder erlebt, wie viel jemand über sich erzählt, ohne es zunächst selbst zu bemerken. Ein Satz über einen Kollegen, eine Erinnerung aus der Kindheit, eine schwierige Entscheidung oder eine kleine Begebenheit aus dem Alltag können plötzlich etwas sichtbar machen, das vorher nicht ausgesprochen wurde. So wurde auch die Frage geboren Wer spricht, wenn Sie sprechen?
Geschichten können mehr
als nur Geschichten sein.
Sie können uns an etwas erinnern, uns einen Spiegel vorhalten, eine andere Möglichkeit zeigen oder helfen, über ein schwieriges Thema zu sprechen. Manche Geschichte vergessen wir nach fünf Minuten. Andere begleiten uns Jahrzehnte.
Prof. Nossrat Peseschkian hat dafür fünf Funktionen beschrieben: Geschichten können spiegeln, Modelle anbieten, vermitteln, Erfahrungen speichern und Werte und Traditionen weitertragen.
Mich interessiert daran besonders ein Gedanke: Eine gute Geschichte sagt Ihnen nicht, was Sie denken sollen. Sie gibt Ihnen etwas, worüber Sie selbst nachdenken können.
Die Erzählphilosophie arbeitet mit Geschichten – aus dem eigenen Leben ebenso wie mit Weisheitsgeschichten, Fabeln und überlieferten Erzählungen. Entscheidend ist, was sie in uns anstoßen.
Was erkenne ich von mir selbst in dieser Geschichte? Welche Idee steckt darin? Was kann sie zwischen unterschiedlichen Sichtweisen vermitteln? Aus solchen Fragen kann eine Geschichte zum Spiegel werden, eine Möglichkeit zeigen oder etwas bewahren, das über den einzelnen Augenblick hinaus Bedeutung hat.
Genau dafür habe ich die Erzählphilosophie entwickelt: Sie erzählt, hört zu, fragt weiter, deutet behutsam und lädt dazu ein, selbst weiterzudenken. Der spannende Augenblick entsteht dort, wo jemand sagt: „So habe ich das noch nie gesehen.“
Genau dieses Aha interessiert mich.
Sapere aude – wage, selbst zu denken.
Das klingt zunächst nach Philosophieunterricht. Gemeint ist etwas sehr Alltägliches:
Trauen Sie Ihrem eigenen Gedanken etwas zu.
Fragen Sie nach. Widersprechen Sie freundlich. Betrachten Sie eine Erfahrung noch einmal. Prüfen Sie: Woher weiß ich das eigentlich? Ist das wirklich so? Halten meine Gefühle den Fakten stand – oder muss ich mir sagen: Gefühle sind keine Fakten.
Gerade in einer Zeit, in der KI und soziale Medien uns täglich mit Antworten versorgen, wird das eigene Denken wieder besonders wertvoll. Es stärkt die Urteilskraft, schafft Souveränität und gibt das gute Gefühl zurück, sich auf den eigenen Verstand verlassen zu können.
Die Methode
Erzählphilosophie ist mehr als eine Haltung oder ein schöner Gedanke. Dahinter steht eine Methode, die aus meiner Arbeit mit Rhetorik gewachsen ist und Erzählen, Fragen und Weiterdenken miteinander verbindet.
Drei Gedanken, die meinen Weg geprägt haben
Von Nossrat Peseschkian habe ich gelernt, welche Kraft Geschichten entwickeln können.
Von Sokrates begleitet mich die Haltung des Fragens und die Bereitschaft, das eigene Wissen immer wieder zu prüfen.
Und Michel de Montaigne hinterließ mir einen Satz, der mich bis heute begleitet: „Ich lehre nicht, ich erzähle.“
Für mich ist daraus im Laufe der Jahre geworden: Ich lehre nicht mehr, ich erzähle, höre zu und stelle Fragen.
Vielleicht müsste ich heute noch einen Satz ergänzen: Und manchmal wage ich eine Deutung.
Geschichten aus dem wirklichen Leben
Über die Jahre habe ich mehrere Tausend Geschichten gesammelt. Viele stammen aus Begegnungen, aus meinem beruflichen Alltag oder aus persönlichen Erfahrungen. Hinzu kommen alte Weisheitsgeschichten aus unterschiedlichen Kulturen. Mich fasziniert, wie wenig manche dieser Geschichten altern.
Menschen verändern ihre Lebensumstände, ihre Technik und ihre Gewohnheiten. Die großen menschlichen Fragen begegnen uns immer wieder: Wie wollen wir leben? Was ist uns wichtig? Wie gehen wir miteinander um? Was tun wir, wenn eine Entscheidung schwerfällt? Und woran orientieren wir uns, wenn vertraute Antworten plötzlich nicht mehr ausreichen?
Geschichten geben darauf selten fertige Antworten. Sie halten die Fragen offen.
Zueinander finden. Miteinander reden. Füreinander da sein.
Vielleicht führt genau darin vieles zusammen, was mich seit Jahren beschäftigt.
Wenn Menschen erzählen und einander zuhören, können sie zueinander finden.
Wenn Fragen erlaubt sind und unterschiedliche Gedanken Platz bekommen, können sie miteinander reden.
Und wenn aus Verstehen Aufmerksamkeit und Verantwortung entstehen, können Menschen füreinander da sein.
Für mich ist Erzählphilosophie deshalb auch eine Einladung: die eigene Geschichte ernst zu nehmen und den Geschichten anderer Menschen aufmerksam zuzuhören.
Das Mutterhaus - wo 1993 alles begann