Ihr Leben sind Geschichten. Und die sind oft besser, als Sie denken.
Wir erzählen ständig: von Begegnungen, Entscheidungen, Erfolgen, Irrwegen und Augenblicken, die uns beschäftigen. In diesen Geschichten steckt oft mehr, als wir zunächst sehen. Manchmal erkennen wir ihre Bedeutung erst später. Manchmal braucht es jemanden, der zuhört, nachfragt und einen Gedanken aufgreift. Und manchmal entsteht dabei jener kleine Satz: „So habe ich das noch nie gesehen.“ Genau dort lohnt sich ein zweiter Blick.
Lebenserfahrung ist ein Vermögen, welches dir keiner nehmen kann.
Oliver Groß©
Was ist Erzählphilosophie?
Erzählphilosophie verbindet Erzählen, Fragen und philosophisches Weiterdenken.
Eine Geschichte macht Erfahrungen sichtbar. Eine gute Frage hilft zu prüfen, was darin steckt. Und manchmal zeigt sich dabei eine zweite Ebene: hinter einer Situation ein Wert, hinter einer Entscheidung ein Zweifel, hinter einem Gefühl eine Annahme.
Erzählphilosophie hilft, diesen zweiten Text einer Geschichte les- und verstehbar zu machen.
Dabei geht es um Wiedererkennen, Fragen und eigenes Denken. Eine Geschichte legt etwas neben die eigene Erfahrung. Was jemand darin erkennt, entscheidet er selbst. Genau darin liegt ein wesentliches Prinzip meiner Erzählphilosophie.
Geschichten können mehr
als nur Geschichten sein.
Geschichten können uns einen Spiegel vorhalten, neue Möglichkeiten zeigen, zwischen unterschiedlichen Sichtweisen vermitteln, Erfahrungen bewahren und Werte über Jahre oder sogar Generationen weitertragen.
Prof. Nossrat Peseschkian hat diese unterschiedlichen Wirkungen von Geschichten beschrieben. Mich fasziniert daran besonders, dass eine Geschichte etwas anstoßen kann, ohne dem Zuhörer die Antwort vorzugeben.
Vielleicht erkennen Sie sich wieder. Vielleicht widersprechen Sie. Vielleicht entdecken Sie etwas, das vorher kaum sichtbar war.
Eine gute Geschichte sagt Ihnen nicht, was Sie denken sollen. Sie gibt Ihnen etwas, worüber Sie selbst nachdenken können.
Ich bin kein klassischer Philosoph
und auch kein Märchenerzähler
Meine Wurzeln liegen in der Rhetorik und in mehr als drei Jahrzehnten Arbeit mit Menschen. Geschichten sind für mich kein Selbstzweck. Philosophie verstehe ich auch nicht als akademisches Lehrgebäude. Mich interessiert der Augenblick, in dem eine Erfahrung durch Erzählen, Fragen und Weiterdenken plötzlich anders sichtbar wird. Meine Rhetorikarbeit hat mich dabei stark geprägt: zuhören, Gedanken ordnen, genau fragen, unterschiedliche Sichtweisen aushalten und Menschen dabei unterstützen, das auszudrücken, was sie wirklich denken und für wichtig halten.
Aus diesem Fundament ist meine Erzählphilosophie entstanden.
Sapere aude – wage, selbst zu denken.
Das klingt zunächst nach Philosophieunterricht. Gemeint ist etwas sehr Alltägliches: Trauen Sie Ihrem eigenen Gedanken etwas zu.
Fragen Sie nach. Schauen Sie auf eine Erfahrung noch einmal. Prüfen Sie:
Woher weiß ich das eigentlich?
Ist das wirklich so?
Was habe ich selbst erlebt?
Was habe ich übernommen?
Welcher Wert steht dahinter?
Und manchmal lohnt sich eine weitere Frage: Halten meine Gefühle den Fakten stand? Gefühle sind wichtig. Gefühle sind aber keine Fakten.
Gerade in einer Zeit, in der KI, soziale Medien und zahllose Stimmen ständig Antworten liefern, wird das eigene Denken besonders wertvoll.
Es stärkt Urteilskraft, Souveränität und das Vertrauen in den eigenen Verstand.
Die Methode
Erzählphilosophie verbindet Erzählen, Fragen und Weiterdenken. Im persönlichen Gespräch kann eine passende Geschichte neben eine konkrete Erfahrung gestellt werden. Die Parallele zieht der Mensch selbst. Der eigene Schluss bleibt beim Gegenüber.
Bewegung kann daraus entstehen. Sie ist eine Folge, kein vorgeschriebenes Ziel.
Drei Gedanken, die meinen Weg geprägt haben
Von Prof. Nossrat Peseschkian habe ich gelernt, welche Kraft Geschichten entfalten können. Von Sokrates die Haltung des Fragens und die Bereitschaft, das eigene Wissen immer wieder zu prüfen. Und Michel de Montaigne hinterließ mir einen Satz, der mich bis heute begleitet: „Ich lehre nicht, ich erzähle.“
Für mich ist daraus mit den Jahren geworden: Ich lehre nicht mehr. Ich erzähle, höre zu und stelle Fragen. Und manchmal wage ich eine Deutung.
Geschichten aus dem wirklichen Leben
Über die Jahre habe ich mehrere Tausend Geschichten gesammelt. Viele stammen aus Begegnungen, aus meinem beruflichen Alltag oder aus persönlichen Erfahrungen. Andere sind alte Weisheitsgeschichten aus unterschiedlichen Kulturen.
Mich fasziniert, wie sehr sich Lebensumstände, Technik und Gewohnheiten verändern – und wie ähnlich die großen menschlichen Fragen bleiben.
Wie wollen wir leben? Was ist uns wichtig? Wie gehen wir miteinander um? Was tun wir, wenn eine Entscheidung schwerfällt? Und woran orientieren wir uns, wenn vertraute Antworten plötzlich nicht mehr ausreichen?
Ob in Deutschland oder irgendwo anders: Die Umstände können völlig verschieden sein. Die Fragen dahinter sind oft erstaunlich ähnlich.
Geschichten geben darauf selten fertige Antworten. Sie halten die Fragen offen.
Zueinander finden. Miteinander reden. Füreinander da sein.
Vielleicht führt genau darin vieles zusammen, was mich seit Jahren beschäftigt.
Wenn Menschen erzählen und einander zuhören, können sie zueinander finden.
Wenn Fragen erlaubt sind und unterschiedliche Gedanken Platz bekommen, können sie miteinander reden.
Und wenn aus Verstehen Aufmerksamkeit und Verantwortung entstehen, können Menschen füreinander da sein.
Die Erzählphilosophie ist für mich deshalb auch eine Einladung: die eigene Geschichte ernst zu nehmen und den Geschichten anderer aufmerksam zuzuhören, sie zu respektieren und das Wesentliche darin zu entdecken.
Das Mutterhaus - wo 1993 alles begann