Ihr Leben sind Geschichten. Und die sind oft besser, als Sie denken.

Jeder Mensch erzählt Geschichten. Von Begegnungen, Entscheidungen, Erfolgen und Irrtümern, von kleinen Begebenheiten, die beinahe vergessen waren, und von Augenblicken, die einen bis heute begleiten.

In diesen Geschichten steckt oft mehr, als wir zunächst vermuten. Sie erzählen von Erfahrungen und Gefühlen, von unseren Vorstellungen, Entscheidungen und Werten. Manchmal erkennen wir ihre Bedeutung erst Jahre später. Manchmal braucht es einen Menschen, der zuhört, nachfragt und einen Gedanken aufgreift, an dem wir selbst vorbeigegangen sind. Genau dort beginnt für mich Erzählphilosophie

Ich bin kein klassischer Philosoph und auch kein Märchenerzähler.

Ich komme aus der Rhetorik und aus mehr als drei Jahrzehnten Arbeit mit Menschen. In all diesen Jahren habe ich erlebt, wie viel Menschen erzählen, wenn man ihnen aufmerksam zuhört. Und wie viel in einer scheinbar alltäglichen Geschichte stecken kann, sobald jemand beginnt, genauer hinzusehen. So entstand über viele Jahre eine Denkweise, die Erzählen, Fragen und Rhetorik miteinander verbindet.

Die Erzählung bringt eine Erfahrung zu Tage und das Fragen öffnet den Blick auf das, was darin steckt. Die Rhetorik hilft uns, Gedanken und Gefühle auszudrücken, Werte erkennbar werden zu lassen und das Erkannte miteinander ins Gespräch zu bringen. Erzählphilosophie erweitert damit mein Verständnis von Rhetorik. Sie gibt dem Erlebten Raum und dem Nachdenken eine Richtung.


Erzählen. Fragen. Weiterdenken.

Eine Geschichte kann für sich stehen. Mich interessiert besonders der Augenblick danach.

Was erzählt diese Begebenheit über den Menschen? Welche Erfahrung klingt darin an? Welche Werte werden sichtbar? Warum erinnern wir uns gerade an diesen Moment? Und könnte das Geschehene noch etwas anderes bedeuten als das, was wir ihm bisher zugeschrieben haben?

Manchmal steht am Ende einer Geschichte bereits eine Frage. Manchmal entsteht sie erst beim Zuhören. Und gelegentlich führt eine einzige Frage zu einer weiteren Geschichte. So entwickelt sich ein Gespräch, in dem Erfahrungen betrachtet, Gedanken geprüft und unterschiedliche Sichtweisen zugelassen werden.

Das Aha hinter der Geschichte

Ich erzähle gern. Doch ich belasse es selten beim Erzählen.

Mich reizt der Versuch, in einer Geschichte einen Gedanken zu entdecken, der bisher vielleicht unbeachtet geblieben ist. Ich interpretiere, verbinde, frage weiter und wage gelegentlich eine Sichtweise, mit der niemand gerechnet hat. Darin liegt für mich ein besonderer Reiz der Erzählphilosophie.

Eine kleine Begebenheit kann plötzlich etwas über Führung erzählen. Eine Erinnerung aus der Kindheit kann eine Frage nach unseren heutigen Werten aufwerfen. Ein scheinbar beiläufiger Satz kann zeigen, wie unterschiedlich zwei Menschen dieselbe Situation erleben. Eine solche Deutung bleibt ein Angebot zum Weiterdenken. Der spannende Augenblick entsteht dort, wo jemand innehält und sagt: „So habe ich das noch nie gesehen.“

Genau dieses Aha-Erlebnis interessiert mich.

Sapere aude – wage, selbst zu denken.

Erzählphilosophie® möchte den eigenen Gedanken stärken.

Horaz formulierte den berühmten Satz sapere aude. Kant machte daraus später den Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Mich begleitet daran vor allem die Aufforderung, Erfahrungen selbst zu betrachten, Fragen zuzulassen und dem eigenen Urteil etwas zuzutrauen.

Denn Geschichten können Orientierung geben, Werte sichtbar werden lassen und vertraute Überzeugungen in ein neues Licht rücken. Sie können uns an Erfahrungen erinnern, auf die wir längst zurückgreifen könnten, und Möglichkeiten zeigen, die im Alltag aus dem Blick geraten sind. Das eigene Denken beginnt dabei oft mit einer guten Frage.


Drei Gedanken, die meinen Weg geprägt haben

Prof. Nossrat Peseschkian hat mir mit seiner Arbeit gezeigt, welche Kraft Geschichten entwickeln können und dass Erzählen weit über das Weitergeben einer unterhaltsamen Begebenheit hinausreicht.

Von Sokrates begleitet mich die Haltung des Fragens. Sein „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ öffnet einen Dialog, in dem Menschen ihre Gedanken prüfen, ergänzen und weiterentwickeln können.

Und bei Michel de Montaigne fand ich einen Satz, der mich bis heute begleitet: „Ich lehre nicht, ich erzähle.“
Für mich ist daraus im Laufe der Jahre geworden: Ich lehre nicht mehr – ich erzähle, höre zu und stelle Fragen.
Vielleicht müsste ich heute noch einen Satz ergänzen: Und manchmal wage ich eine Deutung.


Rhetorik bleibt das Fundament.

Erzählphilosophie® ist aus meiner Arbeit mit Rhetorik gewachsen.

Mich beschäftigt die persönliche Rhetorik eines Menschen: wie Denken und Fühlen Ausdruck finden, wie wir unser Handeln begründen und welche Werte darin erkennbar werden. Mich beschäftigt die dialogische Rhetorik: wie Menschen zuhören, fragen, unterschiedliche Sichtweisen zulassen und aus Verstehen ein gelingendes Miteinander entwickeln.

Und mich beschäftigt die narrative Rhetorik: wie Geschichten Erfahrungen bewahren, Orientierung ermöglichen, Werte sichtbar machen und Gedanken so vermitteln, dass sie erinnert und weitererzählt werden.

In der Erzählphilosophie kommen diese Perspektiven zusammen.

Geschichten aus dem wirklichen Leben

Über die Jahre habe ich mehrere Tausend Geschichten gesammelt. Viele stammen aus Begegnungen, aus meinem beruflichen Alltag oder aus persönlichen Erfahrungen. Hinzu kommen alte Weisheitsgeschichten aus unterschiedlichen Kulturen.

Mich fasziniert, wie wenig manche dieser Geschichten altern.

Menschen verändern ihre Lebensumstände, ihre Technik und ihre Gewohnheiten. Die großen menschlichen Fragen begegnen uns immer wieder: Wie wollen wir leben? Was ist uns wichtig? Wie gehen wir miteinander um? Was tun wir, wenn eine Entscheidung schwerfällt? Und woran orientieren wir uns, wenn vertraute Antworten plötzlich nicht mehr ausreichen?

Geschichten geben darauf selten eine fertige Antwort. Sie geben uns etwas Wertvolleres: einen Anlass zum eigenen Denken.


Zueinander finden. Miteinander reden. Füreinander da sein.

Vielleicht führt genau darin vieles zusammen, was mich seit Jahren beschäftigt.

Wenn Menschen erzählen und einander zuhören, können sie zueinander finden.
Wenn Fragen erlaubt sind und unterschiedliche Gedanken Platz bekommen, können sie miteinander reden.
Und wenn aus Verstehen Aufmerksamkeit und Verantwortung entstehen, können Menschen füreinander da sein.

Für mich ist Erzählphilosophie deshalb auch eine Einladung: die eigene Geschichte ernst zu nehmen, den Geschichten anderer Menschen aufmerksam zuzuhören und immer wieder den Mut aufzubringen, selbst zu denken.


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