Urlaub, Enkel und Rhetorik
Vor dem Urlaub hatte ich geschrieben, dass ich mich auf drei Wochen freue, nach denen ich vermutlich erst einmal Erholung brauche, obwohl ich genau diesen Trubel freiwillig gewählt habe. Jetzt bin ich zurück, ein wenig müde, sehr dankbar und wieder einmal beeindruckt davon, wie viel man über Sprache lernt, wenn man Kindern aufmerksam zuhört.
Einer meiner Enkel entdeckte unterwegs ein Cabrio und rief begeistert: „Da, Opa, ein Auto mit-ohne-Dach.“ Für einen erwachsenen Sprachordner wäre das ein leichter Ball gewesen: Das nennt man Cabrio. Oder: Das heißt mit versenkbarem Dach. Gut, dass dieser innere Korrektor gerade Urlaub hatte, denn mein Enkel hatte die Sache auf seine Weise ganz wunderbar erfasst. Ein Auto mit Dach, das zugleich ohne Dach sein kann. So anschaulich kann Sprache sein, wenn sie noch staunen darf.
Auf dem Spielplatz wollten wir Fußball spielen und hatten vier Bälle dabei: zwei größere Plastikfußbälle, einen etwas kleineren Plastikspielball und einen Tennisball. Mein Enkel sagte: „Opa, wir nehmen den kleineren von den Größeren.“ Das war, zugegeben, eine kleine Denksportaufgabe mit Ballbezug. Ich fragte, welchen Ball er meine, und er zeigte auf den Plastikspielball. Als ich auf den Tennisball deutete, kam die entrüstete Antwort: „Opa, damit spielt man doch nicht Fußball, der ist nur zum Werfen.“
In solchen Momenten zeigt sich etwas, das weit über Kindersprache hinausgeht. Wer sofort verbessert, hört oft nur die Form. Wer nachfragt, begegnet dem Gedanken. Was meint die Person genau? Welches Bild hat sie vor Augen? Woran macht sie das fest? Aus einer scheinbar falschen Formulierung wird dann ein Zugang zu einer eigenen Logik, zu einer Beobachtung, zu einer kleinen Welt, die im Satz bereits angelegt ist.
Das beschäftigt mich auch beruflich, weil in den sozialen Medien täglich neue Sprachregeln durchgereicht werden: Sagen Sie dieses Wort, vermeiden Sie jenes Wort, streichen Sie Füllwörter, sprechen Sie nur in kurzen Sätzen, beginnen Sie nie mit „ich“, verwenden Sie immer starke Verben, nutzen Sie keine Weichmacher, setzen Sie Pausen exakt, erzählen Sie in drei Schritten, öffnen Sie mit einem Hook, schließen Sie mit einem Call-to-Action, achten Sie auf Körpersprache, Stimme, Blick, Haltung, Tempo, Betonung und Wirkung.
Das alles kann hilfreich sein, solange es dient. Sobald Sprache jedoch nur noch aus Normen, Verboten und Korrekturen besteht, verliert sie ihren ganz individuellen Atem. Eloquenz entsteht aus Wortschatz, Wahrnehmung, Übung und innerer Beteiligung. Sie wächst, wenn Menschen sagen dürfen, was sie denken, und zugleich lernen, zu bedenken, was ihre Worte bewirken.
Und deshalb behaupte ich seit 34 Jahren: „Rhetorik ist mehr als nur eine Rede halten“ — oder noch etwas tiefer: „Wer Rhetorik nur als die Kunst des Redens versteht, hat sie schon halbiert.“
Rhetorik beginnt im Zuhören, im Nachfragen, im Zulassen einer Formulierung, die noch etwas Eigenes hat. Ein „Auto mit-ohne-Dach“ mag grammatisch stolpern, aber bildlich steht es sofort vor Augen. Und der „kleinere von den Größeren“ zeigt präziser, was gemeint ist, als manche glatt polierte Erwachsenensprache.
Sagen, was man denkt, und bedenken, was man sagt. Menschen ansprechen und sie dabei wirklich meinen.
Genau darüber werde ich in den nächsten Wochen wieder schreiben: über Sprache, Begegnung, Rhetorik, Familie, Führung, Humor und jene kleinen Alltagsszenen, in denen manchmal mehr Weisheit liegt als in einem ganzen Regelkatalog.
𝗠𝗲𝗶𝗻 𝗭𝗶𝘁𝗮𝘁 𝗱𝗲𝗿 𝗪𝗼𝗰𝗵𝗲:
𝘞𝘦𝘳 𝘣𝘦𝘪𝘮 𝘚𝘱𝘳𝘦𝘤𝘩𝘦𝘯 𝘯𝘶𝘳 𝘯𝘰𝘤𝘩 𝘙𝘦𝘨𝘦𝘭𝘯 𝘶𝘯𝘥 𝘕𝘰𝘳𝘮𝘦𝘯 𝘢𝘤𝘩𝘵𝘦𝘯 𝘮𝘶𝘴𝘴, 𝘷𝘦𝘳𝘭𝘪𝘦𝘳𝘵 𝘴𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘐𝘥𝘦𝘯𝘵𝘪𝘵ä𝘵 𝘶𝘯𝘥 𝘌𝘭𝘰𝘲𝘶𝘦𝘯𝘻 𝘰𝘥𝘦𝘳 𝘸𝘪𝘦 𝘦𝘴 𝘒𝘢𝘳𝘭 𝘐𝘮𝘮𝘦𝘳𝘮𝘢𝘯𝘯 𝘧𝘰𝘳𝘮𝘶𝘭𝘪𝘦𝘳𝘵𝘦: 𝘕𝘪𝘮𝘮 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘮 𝘝𝘰𝘭𝘬 𝘥𝘪𝘦 𝘚𝘱𝘳𝘢𝘤𝘩𝘦, 𝘯𝘪𝘮𝘮 𝘪𝘩𝘮 𝘴𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘋𝘪𝘤𝘩𝘵𝘬𝘶𝘯𝘴𝘵 𝘶𝘯𝘥 𝘴𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘙𝘦𝘥𝘦𝘬𝘶𝘯𝘴𝘵, 𝘴𝘰 𝘪𝘴𝘵 𝘪𝘩𝘮 𝘥𝘢𝘴 𝘏𝘦𝘳𝘻 𝘨𝘦𝘣𝘳𝘰𝘤𝘩𝘦𝘯 𝘶𝘯𝘥 𝘥𝘪𝘦 𝘚𝘦𝘦𝘭𝘦 𝘻𝘦𝘳𝘴𝘵ö𝘳𝘵.
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