Ist Verlässlichkeit aus der Zeit gefallen?

Zwei Minuten über Verlässlichkeit, Anstand und eine Zeit, in der wir alles im Blick haben – nur manchmal den anderen nicht.

Ist Verlässlichkeit tatsächlich aus der Zeit gefallen?
Ich glaube das nicht. Mein Verdacht hat eher mit digitalen Kalendern, drei Bildschirmen – und einem 800 Gramm schweren Gegenstand zu tun, der sich seit Jahren erfolgreich weigert, digital zu werden.

Ist Verlässlichkeit aus der Zeit gefallen?

Wenn ich für einen Termin 200 oder 300 Kilometer fahren muss, kann es passieren, dass ich eine Stunde zu früh am Ziel bin. Das stört mich wenig. Meist findet sich irgendwo ein Café, und gegen einen guten Kaffee mit einem Stück Kuchen hatte ich noch nie ernsthafte Einwände.

Während andere vielleicht noch im Stau darüber nachdenken, ob zehn Uhr wirklich zehn Uhr bedeuten muss, sitze ich schon da, schaue aus dem Fenster und genieße dieses angenehme Gefühl, nichts mehr beschleunigen zu müssen.

Das klingt möglicherweise ein wenig altmodisch. Damit kann ich sehr gut leben.

In meinem ganzen Berufsleben bin ich tatsächlich nur ein einziges Mal zu spät gekommen. Die Geschichte dazu habe ich später sogar in einem meiner Hörbücher erzählt. Offenbar muss bei mir schon einiges passieren, bevor aus zehn Uhr Viertel nach zehn wird.

Ähnlich geht es mir mit Zusagen. Wenn mir jemand schreibt und ich gerade keine Zeit für eine ausführliche Antwort habe, melde ich mich wenigstens kurz und sage, wann ich darauf zurückkomme. Sage ich Donnerstag, meine ich Donnerstag. Natürlich entwickelt auch mein Donnerstag gelegentlich eigene Vorstellungen davon, was an diesem Tag alles geschehen soll. Das Leben interessiert sich bekanntlich nur begrenzt für unsere Kalender. Eine Zusage bleibt für mich trotzdem eine Zusage.

Vielleicht beschäftigt mich deshalb seit einiger Zeit etwas, das an sich völlig unspektakulär ist.

Man schreibt jemandem, weil man eine Frage hat oder auf eine Rückmeldung wartet. Die Nachricht ist angekommen, das zeigt einem die Technik heute freundlicherweise sogar an, und dann vergeht Zeit. Irgendwann fragt man noch einmal nach – manchmal schon mit jener vorsichtigen Höflichkeit, als müsse man sich beinahe dafür entschuldigen, tatsächlich mit einer Antwort gerechnet zu haben.

Und irgendwann habe ich mich gefragt: Ist Verlässlichkeit tatsächlich aus der Zeit gefallen?

Ich mag das nicht glauben. Die Vorstellung, dass Menschen heute weniger Anstand besitzen oder ihnen andere gleichgültiger geworden sind, erscheint mir zu schlicht und vermutlich auch ein wenig unfair.

Mein Verdacht geht in eine andere Richtung.

Noch nie konnten wir uns so gut organisieren wie heute. Kalender, Smartphone, Mails, Messenger und Erinnerungen – alles hilft uns dabei, nichts zu vergessen. Eigentlich müsste uns dadurch unglaublich viel Zeit bleiben.

Vor Jahren habe ich einmal einen Satz formuliert, den ich heute fast aktueller finde als damals:

„Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass, seit es Zeitmanagement gibt, keiner mehr Zeit hat?“

Vielleicht steckt darin mehr als nur eine kleine Bosheit.

Denn während unsere Hilfsmittel immer ausgefeilter werden, wächst gleichzeitig die Zahl der Dinge, die wir mit ihrer Hilfe im Blick behalten sollen. Eine Nachricht wird für später markiert, eine Aufgabe wandert auf eine Liste, ein Termin wird verschoben – und während auf dem einen Bildschirm die Mails offenstehen, wartet auf dem zweiten schon der Kalender und auf dem dritten vielleicht die nächste Nachricht. Irgendwann liegt alles wunderbar organisiert an irgendeinem digitalen Ort, nur leider gerade außerhalb unserer Aufmerksamkeit.

Das gute alte „Aus den Augen, aus dem Sinn“ hat sich erstaunlich gut mit der Digitalisierung arrangiert.

Vielleicht liegt deshalb auf meinem Schreibtisch, zwischen all der Technik, bis heute ein Gegenstand, der bei manchen Menschen ein leichtes Schmunzeln auslöst.

Mein Filofax. Rund 800 Gramm Papier, Leder und eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegen jeden Versuch, mein Leben vollständig zu digitalisieren.

Wenn ich ihn aus der Tasche hole, hat er durchaus Präsenz. Manche schauen ihn an, als hätte ich gerade ein Faxgerät ausgepackt. Andere nehmen ihn kurz in die Hand, um zu prüfen, ob die 800 Gramm tatsächlich stimmen.

Sie stimmen.

Mehr gibt es allerdings nicht zu besichtigen. Mein Kalender bleibt schließlich mein Kalender.

Rund achtzig Prozent meines Arbeitslebens dürften inzwischen digital organisiert sein. Die übrigen zwanzig benehmen sich ein wenig wie jenes berühmte gallische Dorf: Sie leisten beharrlich Widerstand.

Vor allem meine Tagesplanung. Ich plane tageweise: Ein Tag bekommt eine Seite, und genau diese eine Seite liegt vor mir. Ich nenne das Fokusplanung.

Morgens möchte ich weder das ganze Quartal vor Augen haben noch eine endlose Liste all dessen, was ein pflichtbewusster Mensch noch erledigen könnte. Mich interessiert dieser eine Tag: Was steht an? Wem habe ich etwas zugesagt? Was braucht Zeit? Und was passt, wenn ich ehrlich bin, einfach nicht mehr hinein?

Papier ist dabei erfreulich unbestechlich. Es lässt sich nicht davon überzeugen, dass ein gut organisierter Dienstag durchaus 31 Stunden haben könnte.

Lange To-do-Listen führe ich deshalb kaum noch. Manche Aufgaben fühlten sich darauf offenbar ausgesprochen wohl und zeigten über Wochen keinerlei Absicht, diesen gemütlichen Ort zu verlassen.

Heute bekommt das, was mir wichtig ist, einen Platz. Wenn ich jemandem verspreche, mich am Donnerstag zu melden, steht es am Donnerstag auf dieser Seite. Aus dem „Das müsste ich noch machen“ wird: Heute bin ich dran.

Und je länger ich so arbeite, desto deutlicher wird mir: Hinter vielen dieser Einträge steckt gar keine Aufgabe.

Da steckt ein Mensch.

Jemand wartet auf eine Antwort, braucht eine Information, hat sich Zeit für ein Gespräch reserviert oder verlässt sich darauf, dass eine Zusage gilt. Sobald ich das im Blick habe, fühlt sich „später“ plötzlich anders an.

Vielleicht liegt genau hier der Gedanke, der mich an Verlässlichkeit am meisten beschäftigt. Sie beginnt für mich dort, wo das, was ich einem anderen Menschen zugesagt habe, auch in meinem eigenen Tag einen wirklichen Platz bekommt.

Natürlich gerät ein Tag manchmal durcheinander. Ein Zug bleibt stehen, ein Gespräch dauert länger, etwas Unvorhergesehenes verlangt Aufmerksamkeit. Dann zählt, was danach geschieht. Wer auf mich wartet, sollte nicht selbst herausfinden müssen, dass mein Plan inzwischen ein anderer geworden ist. Eine kurze Nachricht genügt oft.

Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger erscheint mir Verlässlichkeit altmodisch. Vielleicht ist sie heute sogar besonders wertvoll, weil wir uns innerhalb von Sekunden erreichen und Termine mit wenigen Klicks verschieben können.

Wie wohltuend ist dann ein Satz wie: „Ich kümmere mich darum“ – und man darf anschließend tatsächlich aufhören, daran zu denken.

Meine Art zu planen wird die Welt vermutlich nicht verändern. Gesellschaftspolitische Ambitionen hat sie, soweit ich weiß, auch keine.

Aber jeden Morgen liegt diese eine Seite vor mir: dieser eine Tag, mit seinen Terminen, Namen, Rückrufen und gelegentlich etwas mehr Vorhaben, als ihm vernünftigerweise zuzumuten wäre.

Vielleicht ist das für mich Fokusplanung in ihrem eigentlichen Sinn: für einen Moment alles andere auszublenden und zu sehen, was heute zählt – und wer heute auf mich zählt.

Falls Sie mich also irgendwann eine Stunde vor einem Termin in einem Café sitzen sehen, vor mir einen Kaffee, vielleicht ein Stück Kuchen und dieses etwas übergewichtige Stück Leder mit Papier, brauchen Sie kein Mitleid mit mir zu haben.

Ich warte nicht.

Ich bin einfach schon da.

 

 

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.